FAMILIE KURT ROBERT DROBNIK
FAMILIE KURT ROBERT DROBNIK

Als Seemannspastor

MeineArbeit als Seemannspastor

Hafen: Im Namen des Herrn unterwegs

  Die Seemannsmission hilft Seeleuten an Bord und an

  Land 
  
 
   Der Pastor kommt an Bord: Schiffsbesuch im Hamburger

   Hafen

  Foto: Mauricio Bustamante  
 
  
Wenn Kurt Robert Drobnik mit seinem Wagen durch 

  Hafen brettert und   Autofahrer als Idioten oder

  Schlimmeres beschimpft, kann man kaum glauben,

  dass dieser Mann im Namen des Herrn unterwegs ist.

  Der 59-Jährige ist Seemannspastor. Etwa 5000 Schiffe

  hat er in den vergangenen Jahren besucht.  

 
   Morgens um sieben Uhr startet seine Tour. Die beste

   Chance, gesprächsbereite Seeleute anzutreffen, ist beim

   Frühstück. Dass viele Menschen an Bord ein   Gespräch

   brauchen, davon ist der ehemalige Militärpfarrer

   überzeugt.   Schließlich werden auf See doppelt so viele

   Selbstmorde verübt wie an Land.   „Das Leben auf einem

   Schiff ist wie ein Leben im Gefängnis, auch wenn einen
   niemand dazu gezwungen hat“, sagt Drobnik. „Immer

   dieselben Menschen, immer   zusammengepfercht.

   “ Zudem sind die Liegezeiten heutzutage so kurz, dass

   die   Männer kaum noch von Bord kommen. „Da ist nichts

   mit Seemannsromantik, Lan und Leute kennen lernen.

   Die meisten sind nur deshalb an Bord, weil sie Geld
   verdienen müssen.“

 

Das erste Schiff an diesem Morgen ist ein Containerriese.
Der erste Offizier, ein Japaner, ist noch ziemlich jung und ganz irritiert über
den Besuch. Der Seemannspastor muss sogar seinen Ausweis zücken, bevor er ins Innere des Schiffs vordringen darf. „Das ist mir ja noch nie passiert“, brummt Drobnik. Neuer Ärger wartet in der Mannschaftsmesse. Die paar Seeleute, die gerade frei haben, stehen um einen Mann herum, der Geld in der Hand hält. Das sieht im ersten Moment aus wie ein Glücksspiel. Da ist der Pastor völlig uninteressant  Drobnik schimpft vor sich hin und macht auf dem Absatz kehrt. „Der verkauft Telefonkarten“, sagt Drobnik genervt. Und das zu horrenden Preisen. „Ich hätte denen die Karte drei bis vier Dollar billiger geben können.“ Telefonieren spielt an Bord eine zentrale Rolle – es ist die beste Verbindung in die Heimat und zur Familie, die die meisten ein halbes bis ein ganzes Jahr nicht sehen.

 

Heimweh und Einsamkeit sind denn auch die häufigsten Probleme, die die Männer an Bord haben. Aber auch schwere Schicksalsschläge müssen sie normalerweise allein bewältigen und sind dann froh, einen Menschen zu haben, dem sie ihr Herz ausschütten können. 
 
Wie etwa der philippinische Koch auf dem nächsten Containerschiff. Er sitzt in  der Messe und trinkt einen Abschiedskaffee mit einem Freund und Kollegen. Der wird heute von Bord gehen, der Koch bleibt noch ein paar Monate. Traurig sieht er aus, und Kurt Robert Drobnik sieht ihm gleich an, dass ihn nicht nur der Abschied von seinem Kollegen schmerzt. 
 
Zeit ist knapp an Bord, deshalb kommt er gleich zur Sache. Ob er verheiratet
sei und Kinder habe, will er wissen. Stolz erzählt der Mann von seinen drei
Kindern, aber sein Blick ist verhangen. „Er ist Witwer“, assistiert der Freund.
Stockend erzählt der Koch, dass seine Frau vor drei Jahren gestorben sei.
Drobnik nickt – und erzählt von sich. Seine erste Frau ist bei einem Autounfall
gestorben. Mit den Toten könne man aber auch nach dem Tod im Gespräch bleiben, durch das Gebet.

Der Koch hängt an den Lippen des Pastors. Jeder im Raum spürt: Das ist sein Thema. „Du musst wieder eine neue Frau in dein Leben lassen“, hilft Drobnik. „Deine Kinder brauchen wieder eine Mutter.“ Schuldgefühle dürfe er nicht haben. „Ihr wart verheiratet, bis dass der Tod euch scheidet – und er hat euch geschieden.“ Mit Sicherheit sei seine Frau nicht böse darüber – im Gegenteil.
Der Koch nickt, lächelt. Drobnik macht noch einen kernigen Witz. Die Seeleute
lachen. Der Abschied ist herzlich.

Doch Drobnik kann auch anders. Vor einiger Zeit traf er einen ägyptischen Seemann. Er spürte gleich, mit dem stimmt etwas nicht. „Er redete wirr, ich hatte den Eindruck, dass er selbstmordgefährdet ist.“ Mit keinem Wort kam er auf die Probleme des Mannes zu sprechen. Im Gegenteil. Er vermied jeden
Tiefgang. Stattdessen sprach er mit ihm über die ägyptische Hochkultur. Der
Mann wurde immer stolzer. „Ich verstärkte ihn positiv“, sagt er fachmännisch.
„Ich wollte nur, dass er bis Alexandria nicht über Bord springt. Mehr konnte
ich für ihn nicht tun.“ Er informierte auch den Kapitän nicht. „Warum? Dann
halten alle den Seemann für eine Pflaume – und er verliert auch noch seinen
Job.“
 
Freundliche Begrüßung auf dem nächsten Schiff. Der italienische Offizier
begleitet den Pastor sogar in die Messe. Auf dem Weg dorthin spricht Drobnik ein paar Philippinos an. Keiner kennt den Seemannsclub, der nur ein paar Meter entfernt ist, keiner war bislang von Bord, obwohl der Frachter schon zwei Tage da ist. Die Messe ist leer, der Offizier lässt extra einen Seemann kommen. Der grinst zwar, aber eher aus Verlegenheit. Sprechen will er eigentlich nicht. Auch er war noch nicht von Bord. „Keine Zeit, keine Zeit“, sagt er leise. Drobnik vermutet, dass er keine Interna ausplaudern soll. Beispielsweise, dass hier nicht tarifgerecht bezahlt wird oder sonstige Dinge an Bord schief laufen. Ob er in solchen Fällen die Gewerkschaft einschalte? „Auf keinen Fall, dann bekommen die an Bord ja erst recht Ärger.“ 
 
Mitleid ist seine Sache nicht. Er will, dass es den Seeleuten durch seinen
Besuch besser geht, dass sie fähig sind, weiterzumachen – nicht mehr und nicht weniger. Schließlich musste er das selbst schmerzhaft lernen, nicht erst beim Tod seiner ersten Frau. Mit 17 Jahren hatte er einen schweren Unfall, bei dem er sein Bein verlor. Nicht Mitlied half ihm damals, sondern Härte. Als er beim ersten Mal mit Krücken hinfiel und sich verzweifelt ins Bett verkriechen wollte, herrschte ihn der Pfleger an: „Du machst sofort einen neuen Versuch oder ich trete dir in den Hintern.“ Drobnik machte also weiter…
  

Zur Seemannsmission, deren Geschäftsführer der Pastor heute ist, gehört auch eine Unterkunft am Krayenkamp, gegenüber vom Michel. „Mutter“ des Hauses ist die 54-jähige Gisela Weber. Sie kümmert sich zum Beispiel darum, wenn Abu Bakari, ein Stammgast, verzweifelt ist. Seit 1982 fährt der Ghanaer auf deutschen Schiffen, seit Jahren für dieselbe Reederei.
Wie jedes Jahr musterte er im Dezember ab und bekam ein Schreiben, dass er im April wieder dazusein habe.
 
Das war er auch, aber die Reederei brauchte ihn nicht und stellte ihm auch die Bescheinigung nicht aus, mit der er Arbeitslosengeld hätte beantragen können. Jetzt wartet Bakari im Seemannsheim und hofft, dass andere ihm mal was abgeben, wenn sie kochen. Die Seemannsmission stundet ihm die Miete.
Abu Bakari ist nicht der einzige, der in der Mission darauf wartet, endlich wieder an Bord gehen zu dürfen. Der Chilene Juan etwa ist 30 Jahre lang bei derselben deutschen Reederei gefahren. Auch er ist extra wieder nach Hamburg gekommen, weil er wieder anheuern sollte. Keiner hatte es
für nötig gehalten, dem Maschinisten zu sagen, dass sein Schiff inzwischen
ausgeflaggt wurde und er jetzt von einem billigeren Mann aus China ersetzt
wird.
 
Für mindestens ein Drittel der Bewohner ist der Traum von der Seefahrt
endgültig ausgeträumt. Sie sind zu alt, zu teuer, nicht fit genug für die
moderne Seefahrt oder haben Alkoholprobleme. Viele von ihnen sind durch die
Seefahrt völlig entwurzelt. Ihr Zuhause ist inzwischen das Seemannsheim
geworden. Und hier können sie auch für immer vor Anker gehen. Dafür hat die
Seemannsmission gesorgt. 
 
 
Autor: Birgit Müller

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